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Armut und Behinderung – wenn das Smartphone zum Fenster zur Aussenwelt wird

Wir alle kennen die Ratschläge: „Leg doch mal das Handy weg“, „Geh mal wieder richtig raus“ oder „Digital Detox tut so gut“. Für viele Menschen klingt das nach einer erholsamen Auszeit. Doch für eine grosse Gruppe in unserer Gesellschaft haben diese Sätze nicht dieselbe Bedeutung.

Denn was ist, wenn „rausgehen“ keine Option ist? Wenn das Geld für den Kaffee mit Freunden fehlt oder der Körper einem den Weg vor die Tür verweigert?



Die unsichtbare Mauer: Armut und Krankheit


In einer Welt, die auf Leistung, Mobilität und Konsum getrimmt ist, wird man schnell unsichtbar, wenn man nicht mithalten kann.

Armut isoliert, weil soziale Teilhabe oft Geld kostet (Fahrtkosten, Restaurantbesuche, Kinokarten). Krankheit und Behinderung isolieren, weil die Kraft für physische Treffen häufiger fehlt oder Barrieren den Radius gar auf die eigenen vier Wände begrenzen.

In dieser Situation ist das Smartphone kein „Zeitkiller“, sondern ein digitales Tor zur Aussenwelt – oft die einzige verlässliche Verbindung.


Warum „online“ für Betroffene „echter“ sein kann als „offline“


Das Internet erfüllt für sie existenzielle Funktionen.

  • Begegnung auf Augenhöhe: Im Netz zählt, was jemand denkt und schreibt. Sein Rollstuhl, seine chronische Erschöpfung oder sein leerer Geldbeutel sind dort erst einmal unsichtbar.

  • Wer nur begrenzte Energie hat, muss haushalten. Ein Chat braucht weniger Kraft als ein Treffen in der Stadt, schenkt aber ein Gefühl von Verbundenheit.

  • Die Community der Verstehenden: Online findet man Menschen, die genau wissen, wie es ist, am Monatsende kein Geld mehr zu haben oder mit chronischen Schmerzen aufzuwachen.


Ein Fenster, keine Flucht


Es ist nicht zielführend, die Online-Zeit von Menschen in schwierigen Lebenslagen grundsätzlich als „Flucht aus der Realität“ abzuwerten. Für jemanden, der vorwiegend oder gänzlich ans Haus gebunden ist, ist das Digitale ein wichtiger Teil der Realität.


Der Trick mit dem Klick - wie kleinste Gesten Grosses bewirken


Wer gesund ist und ein aktives Sozialleben hat, empfindet eine WhatsApp-Nachricht oder ein Like oft als belanglose Kleinigkeit. Man ist vielleicht sogar genervt von der Flut an Benachrichtigungen im stressigen Alltag.

Doch für jemanden, der durch Armut und/oder Krankheit isoliert ist, verändert sich die Gewichtung fundamental.

Ein kurzes „Ich denk an dich“, ein schönes Foto vom Spaziergang, ein einfaches Herzchen oder ein Smiley sind keine „digitalen Spielereien“. Sie sind ein Signal: „Du bist noch da. Ich sehe dich. Du gehörst dazu.“


Wenn du das nächste Mal zögerst, jemandem eine kurze Nachricht oder ein Smiley zu schicken, weil du denkst, es sei „zu wenig“ – tu es trotzdem. Du schickst damit kein blosses Datenpaket, sondern eine Portion Lebensfreude durch ein Fenster, das sonst oft geschlossen bleibt.

Während der Gesunde denkt: „Ich habe ja nur kurz gelikt“, bedeutet es für den Isolierten oft den hellsten Moment des Tages. Es ist die Bestätigung, dass man trotz des Andersseins und der herausfordernden Lebenssituation nicht aus den Gedanken der anderen verschwunden ist. In einer Welt, die einen oft aussortiert, ist diese digitale Zuwendung ein tiefer Akt der Wertschätzung.


Betroffene untereinander wissen dies.

Deshalb sind für sie Orte im Netz sehr wichtig, in denen sie mit ihresgleichen in Kontakt kommen und bleiben können.

Und dennoch ist es unerlässlich, dass sie in die Gesellschaft als Ganzes inkludiert werden und willkommen sind.

Damit hat sich in den letzten Jahren die Wissenschaft immer eingehender befasst.


Das Konzept der „Weak Ties“ (Mark Granovetter)


In der Soziologie spricht man von „schwachen Bindungen“ (Weak Ties). Während gesunde Menschen ihre Energie oft in „starke Bindungen“ (enge Freunde, Familie) stecken, sind für isolierte Menschen die „schwachen Bindungen“ im Netz (Bekannte in Foren, Follower) überlebenswichtig. Diese digitalen Kontakte bieten Zugang zu Informationen und emotionaler Unterstützung, die im kleinen, oft erschöpften privaten Kreis nicht mehr vorhanden sind.


Für Menschen, deren physischer Radius eingeschränkt ist, werden diese digitalen flüchtigen Kontakte zur wichtigsten Quelle für neue Impulse und soziale Bestätigung. Wissenschaftlich betrachtet ist das Smartphone also kein Spielzeug, sondern eine Prothese für soziale Teilhabe. Es generiert das nötige „soziale Kapital“, das durch Armut und Krankheit im Offline-Raum oft verloren geht.


Mark Granovetters „The Strength of Weak Ties“ (1973) ist einer der meistzitierten Aufsätze der Soziologie. Er erklärt, warum Bekannte (schwache Bindungen) oft wertvoller sind als enge Freunde, um neue Informationen und Chancen zu erhalten – was für isolierte Menschen im Internet der entscheidende Faktor ist.


„Digital Coping“ (Digitales Bewältigungshandeln)


Die Psychologie nutzt den Begriff Digital Coping. Studien (z. B. zur Lebenswelt von Menschen mit chronischen Schmerzen) zeigen, dass die Online-Kommunikation als aktiver Bewältigungsmechanismus dient.

Wissenschaftliche Erkenntnis: Das Schreiben über die eigene Lage und das Erhalten von Feedback (Likes/Kommentare) senkt nachweislich das Stresslevel und das Gefühl von Hilflosigkeit.

Der Forscher Stephen Rains hat in seinem Buch und seinen Studien zu „Coping with Illness Digitally“ (2018) umfassend untersucht, wie Menschen Kommunikationstechnologien nutzen, um die Herausforderungen einer Krankheit zu bewältigen.

Er zeigt, dass soziale Medien helfen, das Gefühl von Kontrolle zurückzugewinnen. Digitale Gemeinschaften bieten emotionale Unterstützung, die im „echten“ Leben oft wegbricht, wenn Freunde sich zurückziehen oder Treffen zu anstrengend werden.


Die Brückenfunktion (Bridging Social Capital)


Der Soziologe Robert Putnam unterscheidet in seinem Hauptwerk "Bowling Alone" (2000) zwischen zwei Arten von sozialem Kapital - Bonding Social Capital: Die engen Bindungen zu Familie und engen Freunden (der „Klebstoff“) und Bridging Social Capital: Die Brücken zu Bekannten, verschiedenen Gruppen oder Fremden (das „Schmiermittel“).

Für Menschen in Armut und/oder mit Behinderung ist das Internet das wichtigste Werkzeug für Bridging Social Capital. Es überwindet die physische Barriere des Zuhause und verbindet sie mit Ressourcen und Empathie, die sie physisch nicht erreichen könnten. Es ist der Zugang zu Informationen und Empathie außerhalb der eigenen, oft belasteten Blase. Ohne das Smartphone bliebe oft nur die totale soziale Isolation.

In „Bowling Alone“ analysiert Putnam den Rückgang des Gemeinschaftsgefühls und die Bedeutung neuer Netzwerke.


Micro-Boosts durch Likes und Smileys


Eine Studie, die im Journal Journal of Computer-Mediated Communication und auf Portalen wie PMC (PubMed Central) diskutiert wurde, untersucht die Wirkung von kleinen digitalen Gesten. Für Menschen mit schwachen physischen Unterstützungsnetzwerken bieten „Likes“, „Shares“ oder kurze Kommentare sogenannte „Micro-boosts to self-esteem“ (kleine Schübe für das Selbstwertgefühl). Sie dienen als Validierung: „Ich werde gesehen.“

Die Studie zeigt auf, dass Online-Support oft weniger redundant ist als physischer Support, aber besonders dann hilft, wenn das reale Umfeld fehlt.


Digitale Inklusion bei Behinderung


Die Forschung zur digitalen Teilhabe zeigt, dass mobile Technologien die soziale Einbindung von Menschen mit Behinderungen massiv stärken. Studien belegen, dass die Nutzung von Smartphones positiv mit der sozialen Integration in Familie und Freundeskreis korreliert, da sie die Barrieren von Mobilität und Erschöpfung überbrückt.


Sherry Turkle – „Alone Together“ (2011)


Turkle beschreibt die Ambivalenz der digitalen Welt. Während sie davor warnt, dass wir uns voneinander entfernen, zeigt sie gleichzeitig auf, wie das Internet als „Ort der Hoffnung“ dient, an dem Einsamkeit bekämpft werden kann.

Link zum Buch (Verlagsseite): Alone Together by Sherry Turkle | Hachette Book Group

Detaillierte Übersicht: Alone Together (Google Books)


Alice Wong – „Disability Visibility Project“


Alice Wong war eine der einflussreichsten Stimmen der Disability-Community. Ihr Projekt zeigt, dass das Internet für behinderte Menschen kein Luxus, sondern eine lebensnotwendige Infrastruktur für Gemeinschaft und Aktivismus ist.

Link zum Buch/Anthologie:


Vom digitalen Klick zur gelebten Inklusion


Die Wissenschaft bestätigt, was Betroffene täglich fühlen: Digitale Teilhabe ist kein Luxusgut, sondern eine existentielle Notwendigkeit. Das Smartphone fungiert als soziale Prothese, die dort Brücken baut, wo physische Wege enden und finanzielle Mittel fehlen.

Inklusion beginnt im Kopf – und manchmal eben auch mit einem Daumen auf dem Display. Ein kleiner Klick für uns kann für einen Menschen am Rand das Gefühl bedeuten, endlich wieder Teil dieser Welt zu sein. Es macht Sinn, die Fenster offen zu halten, damit sich Türen zur gelebten Inklusion öffnen können.


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